Sitten und Gebräuche Samnauns

Die Geschichte Samnauns berichtet von etlichen Bräuchen und Sitten. Als Ausdruck der Geselligkeit der Menschen und als bezeichnendes Kulturgut im abgeschiedenen Tal sind einige dieser Gewohnheiten noch erhalten, andere wiederum so gut wie in Vergessenheit geraten. Welche das genau sind, erfahren Sie hier.

So beginnt das neue Jahr

Das neue Jahr begehen die Kinder Samnauns mit einer besonderen Tradition. Nach der Messe ziehen sie von Haus zu Haus und bringen mit dem Spruch „Mir winscha ench a glickseiligs nuis Jour“ ihre Neujahrswünsche zum Ausdruck. Als symbolisches Dankeschön erhalten die Kinder ein kleines Geldstück.

ClauWau

Am Vorabend des Nikolaustages heißt es für die Kinder eines jeden Dorfes: "Clauwau". Zu diesem Anlass verkleiden sie sich als Kläuse und sogenannte Schmutzlis und besuchen – mit Kuhglocken ausgerüstet – jede Familie ihres Dorfes. Diese überraschen sie mit einstudierten Liedern und Gedichten. Als Belohnung und Dankeschön erhalten die Kinder Geld und Süssigkeiten.

Traditionelles Wurst- oder Speckessen

Beim Wurst- oder Speckessen handelt es sich um einen Brauch, der heute leider nicht mehr praktiziert wird. Er geht im Wesentlichen auf die Zeit zurück, in der noch in den Haushalten im Januar beziehungsweise Februar ein oder mehrere Schweine geschlachtet wurden. Dieses Ereignis wurde mit der ganzen Nachbarschaft und Verwandtschaft zelebriert. Alle wurden zum Wurst- und Speckessen eingeladen und im Laufe des Abends stellt sich ein weiterer Besuch ein: Die sogenannten "Maschgerer" – maskierte Burschen und Mädchen des Dorfes – klopften bei den Gastgebern an die Tür und trugen mit verstellter Stimme erheiternde Sprüche vor. Anschliessend erhielten die Maskierten für ihre Darbietungen eine Kostprobe des zubereiteten Fleisches.

Anschneiden des Birnbrotes

Ebenfalls in Vergessenheit geraten ist die Brauch des "Birnbrot-Anschneidens", der symbolisch mit einer Verlobung in Verbindung gebracht wurde. Diese durfte damals ausschließlich am Stephanstag unter der Anwesenheit der Verwandten verkündet werden. Wollte sich das zukünftige Ehepaar also verloben, wurde von der Braut eine Woche vor Weihnachten ein grosses Birnbrot bestellt, das am Abend vor dem Fest in aller Heimlichkeit in ihr Haus getragen wurde. Am Morgen des Stephanstages erschien der Bräutigam in Gesellschaft mehrerer Männer aus seiner Familie mit einigen Flaschen Wein im Hause der Angebeteten. Hier vollzog sich der feierliche Akt der Verlobung. Der Braut stand das Recht zu, das Messer in das Brot zu stechen, während der Bräutigam dasselbe in einzelne Stücke aufteilte und jedem Anwesenden eines davon zusammen mit einem Glas Wein anbot. Diese gemeinsame Handlung drückte die Zusammengehörigkeit aus und besiegelte in Anwesenheit der Verwandten das Treuegelöbnis der jungen Leute.

Blockziehen

In Samnaun war früher auch das Spiel des „Blockziehens“ gebräuchlich, das auf die Sage vom Wilden Mann zurückgeht. Auch im nahe gelegenen Ischgl ist es überliefert. Berichtet wird, dass dort das letze Blockziehen im Jahre 1957 stattfand.

Was es mit dem Blockziehen auf sich hat
Laut Augenzeugen fand Blockziehen immer am Fasnachts-Donnerstag statt. Einige Tage vorher begaben sich die jungen Burschen des Tales in den sogenannten „dicken Wald“ gegenüber von Plan, um den grössten und schönsten Lärchenstamm zu finden und zu fällen. Am Tage vor dem Fest wurde der Block fein abgehobelt, bunt bemalt und auf einen Schlitten gehievt.

Am Tag darauf fanden sich dann sämtliche junge, festlich gekleidetete Männer des Tales in Plan ein, wo der Block lag. Dort spielte sich der Hauptteil des Festes ab. Zuerst wurden allerlei Possen aufgeführt. Anschliessend tauchte in einer engen Seitengasse der Wilde Mann auf, der über und über mit Tannenzapfen, Baumflechten und Moos behangen war. Von den Schaulustigen in die Enge getrieben, flüchtete der Wilde Mann über die Brücke in den Wald hinauf.

Nun begann die Musik zu spielen, die den Wilden Mann allmählich immer näher heranlockte. Daraufhin wurde der Wilde Mann gefangen und mittels Ketten an das hintere Ende des Blockes gefesselt. Jetzt spannten sich die Burschen – jeweils etwa 30 an der Zahl – vor den Schlitten und der Zug setzte sich in Bewegung. Vorne auf dem Block stand der festlich geschmückte Fuhrmann, der mit der Peitsche knallte, um seine Männer anzutreiben. Der Wilde Mann gebärdete sich daraufhin wie toll und versuchte fortwährend den Zug zum Stehen zu bringen. Wäre ihm das Manöver geglückt, so wäre der Block sein Eigentum gewesen. Beim alten Schiessstand wurde der Block zurückgelassen. Der Wilde Mann aber wurde weiter an der Kette bis nach Compatsch geführt, wo das Fest seinen krönenden Abschluss fand.

 

Quelle: Geschichtsbuch „Aus der Geschichte der Talschaft Samnaun“. Kirchenführer: „Kirchen und Kapellen der Pfarrei St. Jakobus“. Kalvarienberg: „Das Leben von Pater Maurus Carnot“. Alle Bücher wurden vom Samnauner Lehrer Arthur Jenal verfasst.